Kletterschalung: Systeme, Schalhaut und Wiedereinsatz bei turmartigen Bauwerken
Die Kletterschalung versetzt die Wandschalung Takt für Takt nach oben — an Hochhauskernen, Brückenpfeilern und Türmen. Dieser Beitrag erklärt die Systemtypen, den Unterschied zur Gleitschalung und vor allem die Wahl der Schalhaut und ihren Wiedereinsatz.

An einem Hochhauskern oder einem Brückenpfeiler wandert die Schalung nicht waagerecht von Feld zu Feld, sie steigt. Eine Kletterschalung versetzt die großflächige Wandschalung taktweise nach oben und stützt sich dabei auf den bereits erhärteten Beton darunter. Die Systemhersteller beschreiben Konsolen, Hydraulik und Schienen gut. Was sie selten behandeln, ist die Platte, die den Beton berührt, und wie viele Schüttungen sie trägt. Dieser Beitrag fasst Systeme und die Abgrenzung zur Gleitschalung kurz und beantwortet dann die eigentliche Baustellenfrage: welche Schalhaut, und für wie viele Einsätze.
Was ist eine Kletterschalung?
Eine Kletterschalung ist eine senkrechte Wandschalung mit einer Klettervorrichtung, die sie nach jedem Abbinden um einen Takt nach oben versetzt. Das Prinzip ist diskontinuierlich: Eine Lage wird betoniert, der Beton muss die Last des Systems tragen, dann wird die Schalung gelöst, hochgefahren und neu eingerichtet. Arbeits- und Nachlaufbühnen klettern mit, was das Standgerüst über die gesamte Höhe erspart. Das ist die Lösung für hohe, sich wiederholende Bauteile, wo das Umsetzen einer normalen Schalung per Kran auf jeder Ebene zu viel Zeit kosten würde.
Kletterschalung oder Gleitschalung?
Die Verwechslung ist häufig, und beide Systeme arbeiten verschieden. Die Kletterschalung geht taktweise vor: betonieren, abbinden, klettern, betonieren. Zwischen zwei Takten erhärtet der Beton und die Schalung steht still. Die Gleitschalung dagegen steigt kontinuierlich, während ohne Unterbrechung betoniert wird; die Schalung gleitet langsam nach oben, und der Beton tritt unten schon so fest aus, dass er sich selbst trägt. Das Gleiten liefert eine fugenlose Oberfläche, verlangt aber ein Nonstop-Betonieren und eine aufwändige Organisation. Das Klettern hinterlässt an jedem Takt eine sichtbare Arbeitsfuge, lässt sich aber jederzeit anhalten und fortsetzen. Für Kerne und Pfeiler dominiert die Kletterschalung; die Gleitschalung bleibt Silos und Türmen mit gleichbleibendem Querschnitt vorbehalten.
Systemtypen der Kletterschalung
Drei Bauarten decken den Großteil der Baustellen ab, von der einfachen bis zur eigenständigen.
- Kranversetzte Kletterschalung (Konsolen). Schalung und Bühnen ruhen auf Konsolen, die im Beton verankert sind. Der Kran setzt die Einheit pro Takt um. Günstig in der Anschaffung, bindet aber den Kran bei jedem Umsetzen.
- Selbstkletternde Schalung (hydraulisch). Das System fährt mit Hydraulikzylindern entlang verankerter Schienen oder Profile selbst nach oben, ohne Kran. Es macht den Kran frei und hält dem Wind in der Höhe besser stand, zum Preis einer teureren Ausrüstung.
- Schienengeführte Klettersysteme. Variante der Selbstkletterung, bei der die Schalung während des gesamten Hubs an der Schiene geführt bleibt. Das sichert das Umsetzen bei starkem Wind an sehr hohen Bauwerken.
Die großen Systemanbieter (Doka, PERI, Hünnebeck, Paschal) verteilen sich auf diese drei Prinzipien. Die Wahl hängt von Höhe, Kranverfügbarkeit und Windexposition ab, nicht von der Marke.
Anwendungen
Die Kletterschalung findet ihren Platz an senkrechten, hohen und im Querschnitt wiederkehrenden Bauteilen: Aussteifungskerne von Hochhäusern, Brückenpfeiler, Türme, Silos, Schächte und Widerlager. Der gemeinsame Nenner ist die Wiederholung derselben Wand über eine große Höhe, die das System und die Schalhaut wirtschaftlich macht.
Die Schalhaut: das Teil, das den Beton berührt
Unter dem Stahlrahmen der großflächigen Wandschalung formt eine filmbeschichtete Sperrholzplatte den Beton. Der Rahmen trägt den Druck; die Schalhaut gibt die Oberfläche und ist das Teil, das sich abnutzt. An der Kletterschalung ist daran nichts Besonderes: Die Schalhaut ist ein normales filmbeschichtetes Sperrholz, 18 mm als Basis und 21 mm bei hohen oder schnell betonierten Wänden, wo der Druck am Wandfuß größer ist. Der Frischbetondruck, der Schalhautdicke und Riegelraster bestimmt, wird in Deutschland nach DIN 18218 ermittelt und bleibt Sache des Tragwerksplaners. Mehr zur Plattenwahl steht in unserem Beitrag zu Schalungsplatten, den Aufbau der Wandseite behandelt der Artikel zur Wandschalung.
Wiedereinsatz nach Verleimungsklasse
Wie viele Schüttungen eine Schalhaut trägt, hängt vom Kernklebstoff ab, nicht allein von der Folie. Zwei EN-636-Klassen teilen sich die Einsätze.
| Platte | Kernklebstoff | Klasse EN 636 | Wiederverwendung (maximal) | Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| Form Basic | WBP Melamin (MUF, Standardgehalt) | EN 636-2 / Klasse 2 | bis zu 10 | Übliche Wände, moderate Umlaufzahl |
| Form Extra | WBP Melamin (MUF, höherer Melamingehalt) | EN 636-2 / Klasse 2 | bis zu 15 | Mehr Zyklen, härtere Bedingungen |
| Pro Form | WBP Phenol (PF) | EN 636-3 / Klasse 3 | bis zu 20 | Hochhauskerne mit vielen Takten, Sichtbeton |
„Melamin“ meint hier das Melamin-Harnstoff-Formaldehyd-Harz (MUF), das die Furnierlagen im Kern verleimt, kein Dekorlaminat aus dem Möbelbau und keine dickere Folie. Dass Form Extra bis zu 15 Einsätze gegenüber 10 bei Form Basic erreicht, liegt nicht an einer schwereren Folie: Beide Platten tragen dieselbe Phenolfolie. Der Unterschied steckt im Klebstoff, einer MUF-Formulierung mit höherem Melamingehalt, die den Baustellenbedingungen besser standhält. Für einen Hochhauskern, bei dem sich derselbe Takt über Dutzende Ebenen mit Sichtbeton wiederholt, geht man zum phenolverleimten Pro Form (EN 636-3, bis zu 20 Einsätze), dessen Klasse 3 die wiederholten Nass-Trocken-Zyklen besser verträgt. Aus unseren Lieferungen nach Deutschland und in die DACH-Region sehen wir, dass bei großen Kletterprojekten meist diese Phenolplatte angefragt wird, weil der Sichtbeton Takt für Takt gleichmäßig bleibt. Form Basic und Form Extra bleiben Platten der Klasse 2, gut für die meisten Wände, aber nie als Klasse 3 zu bezeichnen.
Sichtbeton an Kletterschalungen
An einem sichtbar bleibenden Kern oder Pfeiler entscheidet sich der Sichtbeton an jedem Takt neu. Die Sichtbetonklassen SB-1 bis SB-4 nach DIN 18217 und dem DBV-Merkblatt geben den Rahmen vor; für SB-2 und SB-3 liefert eine fabrikneue Phenolschalhaut das beste Bild. Mit zunehmendem Filmverschleiß wandert die Platte auf weniger sichtbare Takte, statt ausgetauscht zu werden. Die Baustellenregel ist einfach: die neuesten Platten des Pools den sichtbar bleibenden Ebenen zuteilen und die älteren auf den verdeckten Bereichen umlaufen lassen. Mehr dazu im Beitrag zur Sichtbeton-Schalung.
Ersatz-Schalhaut für gemietete Klettersysteme
Der Stahlrahmen und die Klettervorrichtung werden oft beim Systemanbieter gemietet. Die Schalhaut dagegen wird separat beschafft und einzeln getauscht, sobald die Folie verschlissen ist. Das ist ein echter wirtschaftlicher Hebel: Das System bleibt in Miete, und die Schalhaut wird im Format 2500×1250 mm direkt ab Werk nachbestellt, ohne Umweg über den Vermieter. Die gleiche Logik gilt für gerade Wände, wie sie unser Beitrag zur Betonschalung beschreibt.
Sicherheit und Standsicherheit
Eine Kletterschalung ist ein Arbeitsmittel in der Höhe, das Wind und Nutzlasten ausgesetzt ist. Der Standsicherheitsnachweis, die Verankerung der Konsolen im Beton und die Tragfähigkeit des Untergrunds an jedem Takt liegen beim Schalungsplaner und beim Systemanbieter, nicht bei der Schalhautwahl. Dieser Beitrag behandelt die Schalhaut; die Auslegung von Hub und Verankerung ist ein eigenes Ingenieurthema.
Vor dem Kauf der Schalhaut prüfen
- Dicke. 18 mm als Basis, 21 mm bei hohen oder schnell betonierten Wänden.
- Klasse EN 636. EN 636-2 Melamin (MUF) für den Standardgebrauch, EN 636-3 Phenol für viele Takte und Sichtbeton.
- Folie. Folgengrammatur (g/m²) und Kantenzustand bei der Anlieferung prüfen.
- CE-Kennzeichnung. Die Platte muss nach EN 13986 CE-gekennzeichnet sein.
Über Vinawood
Vinawood ist ein vietnamesischer Sperrholzhersteller, gegründet 1992, mit über 5.000 Containern Export pro Jahr in mehr als 55 Länder. Wir liefern die Schalhaut beziehungsweise Schaltafel — vom Form Basic über Form Extra bis zum phenolverleimten Pro Form (EN 636-3) — in 12 bis 21 mm und im EU-Format 2500×1250 mm, mit CE-Kennzeichnung nach EN 13986, Prüfung jeder Platte sowie FSC- und PEFC-Nachweis. Für die Kletterschalung eines Hochhauskerns oder Brückenpfeilers ist Pro Form unsere Empfehlung, wenn der Sichtbeton zählt und sich die Takte wiederholen. Um Dicke und Klasse passend zu wählen, sehen Sie sich die filmbeschichtete Reihe an oder sprechen Sie unser Team für ein Angebot direkt ab Werk an.
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▶Sources & References (4)
- DIN 18218 — Frischbetondruck auf lotrechte Schalungen — DIN (2010)
- DIN 18217 — Betonflächen und Schalungshaut — DIN (1981)
- DIN EN 636 — Sperrholz. Anforderungen — DIN/CEN (2015)
- DIN EN 13986 — Holzwerkstoffe zur Verwendung im Bauwesen (CE-Kennzeichnung) — DIN/CEN (2015)






